Geschichte


Europa im 15., 16. und 17. Jahrhundert, die geopolitischen, wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Kontexte

In einer vorwiegend ländlichen Welt, in der sich die Städte entwickeln, befindet sich Europa an der Schwelle des 16. Jahrhunderts in einer, durch das Entdecken neuer Welten und Techniken veränderten Wirtschaft, in latenten zeitlichen und spirituellen Konflikten.


Wanderer

Im Europa der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und des 16. Jahrhunderts ist die Bevölkerung zum Großteil ländlich und vom Tod in all seinen Formen terrorisiert (Hohe Sterblichkeit: Krankheiten, Unterernährung, Kriege).

Auf politischer Ebene leidet Europa unter der Vielzahl an Staaten und den verschiedenen Regierungsformen: Diese verschiedenen Formen führen im Fall von Konflikten unweigerlich zu zahlreichen Zerwürfnissen, nachdem Europa über keine gemeinsame, zeitliche und spirituelle Autorität eines Kaisers (oder Königs) und eines Papstes verfügt.
Am Ende des 15.Jahrhunderts und Beginn des 16. Jahrhunderts führen große Entdeckungen anlässlich von Reisen zu Fortschritten und zur Perfektionierung in der Schifffahrt, aber auch zur Sklaverei und zum Sklavenhandel, der sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte noch weiter ausdehnte.
Ein zusätzlicher Aspekt tritt auf, jener des neuen Denkens. Der Humanismus will den Begriff Individuum und Authentizität wieder finden.
Auf wissenschaftlichem Gebiet stürzen wichtige Entdeckungen die mittelalterliche Auffassung einer einzigen und geschlossenen Welt, von der die Erde das Zentrum ist, um. Kopernikus (1473-1543) bringt die Idee des Sonnensystems auf, das dann von Galileo Galilei (1564-1662) bestätigt und weiterentwickelt wird.

Damit ist mit diesen neuen Perspektiven, die den Weg eines anderen intellektuellen und religiösen Denkens öffnen, alles in Frage gestellt. Alchemie, Astrologie und Magie werden weiterhin verwendet, aber Astronomie, Mathematik, Anatomie und Mechanik sind bereits gegenwärtig.

Die Kirche vor der Reform stellt eine Art Parallelstaat zu den nationalen Staaten dar. Sie ist ein extrem reicher Grundbesitzer, hat ihre Gerichte und fordert Steuern. Religion und Politik sind zu dieser Zeit ein und dasselbe. Eine andere Religionsform zu fordern bedeutet, eine andere Gesellschaft zu fordern.
In diesem allgemeinen Kontext entwickeln sich die Bevölkerungen und Länder je nach ihren Königen, Prinzen, Kaisern und Theologen. Alle europäischen Länder sind an die Kirche gebunden und nichts geschieht ohne Zustimmung oder Ablehnung des Papstes.
Die Kirche ist für jedermann mächtig, für einige beruhigend, für andere furchterregend. Wenn auch Bewegungen und Reaktionen bestehen, so sind dies Proteste aber keine Aufstände und die Kirche verurteilt diese dann, wenn sie es für zweckmäßig betrachtet.

Die Waldenserbewegung am Ende des 12. und Beginn des 13. Jahrhunderts scheint mit der Exkommunizierung von Petrus Valdes beendet zu sein. Dieser letztere ist in der Tat einer der Ersten, der einige Prinzipien seiner Kirche in Frage stellt. Er war von der beachtlichen Anzahl von Hungerstoten des Jahres1176 erschüttert. 1179 verlässt er die Kirche und gründet eine Gemeinschaft « Die Armen von Lyon ». Die Prinzipien dieser Armen, später 'Waldenser' genannt, waren es, sich nur auf die Bibel zu beziehen, die Macht und den Reichtum der Kirche anzuzweifeln und die Idee des Fegefeuers und des Heiligenkults zurückzuweisen. Die Kirche erregt sich und verurteilt Petrus Valdes zur Exkommunizierung. Die Geschichte der Waldenser endet damit jedoch nicht und man findet die Anhänger dieser Glaubensbewegung im 15. und 16.Jahrhundert wieder.


Gedruckte Bibel   Museum des Waldenser Kulturzentrums von Torre Pellice
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Museum des Waldenser
Kulturzentrums von Torre Pellice

Alle europäischen Länder werden von verschiedenen Entwicklungen und Protesten heimgesucht, deren Vertreter überall vorhanden sind und einige davon treffen sich. Zu diesem Zeitpunkt entsteht der Buchdruck und die Verbreitung von ketzerischen, religiösen Gedanken wird dank dieser neuen Technik realisiert. Das erste Buch, das auf der Presse von Gutenberg gedruckt wird, ist die Bibel. Der Übergang vom Manuskript zum Druck ist eine Revolution, die jene des neuen Denkens einleitet. Damit kann das Wissen weitergegeben werden, die umfangreiche Verbreitung der Kenntnisse wird möglich. Bis dahin einer intellektuellen Elite vorbehalten, können sich die Bände nun auch an anderen Orten als nur in Schlösser und Klöster befinden. Damit ist ein riesiger Schritt gemacht, jener der Verbreitung des Wissens in allen Bereichen der Kunst, Philosophie, Politik und Religion.

In diesem erschütterten Europa des 16. Jahrhunderts, wo alles gesagt, geschrieben, beurteilt und manchmal verurteilt wird, erhebt sich in Deutschland ein Mönch: Martin Luther (1483- 1546). Als Theologe und Gelehrter, Pädagoge und feuriger Verfechter ist er sich seiner « Vorschläge » gegenüber seiner Kirche und gegen seinen Orden, gegen den Kaiser und gegen einige seiner Genossen sicher.
Er prangt insbesondere die Praktik der Ablässe an, die er « als Handel des Heils » nennt.
Luther entscheidet daher « 95 Thesen » drucken zu lassen und zu veröffentlichen. Eine Liste von 95 Behauptungen, mit welchen er das Verhalten der Kirchenmänner und die Vertrauensseligkeit der Gläubigen anprangert. Die religiösen und politischen Reaktionen stellen sich umgehend ein: Luther wird exkommuniziert.
Die Geschichte eines mit der Todesstrafe bedrohten, exkommunizierten Augustinermönchs hätte damit enden können, aber Luther wird vom Landgraf von Hessen und dem Kurfürst von Sachsen, Friedrich dem Weisen unterstützt.
Ab 1520 verbreiten sich die lutherischen Lehren in Frankreich. Anlässlich der Synode von Chanforan im Jahr 1536 schließen sich die Waldenser der Reform an. Ab 1540 erfolgt neben der immer umfangreicheren, protestantischen Literatur gleichzeitig eine mündliche Übermittlung. Als Martin Luther 1546 stirbt, erweitert sich die lutherische Reform auf die Schweiz, aber nach dem Willen anderer Reformatoren, insbesondere Ulrich Zwingli, in einer etwas anderen Form.
Die Virulenz von Zwingli stellt ihn gegen die katholisch gebliebenen Kantone. Unter seinem Einfluss bricht zwischen den Katholiken und Protestanten in der Schweiz ein Bürgerkrieg aus.

Eine andere Persönlichkeit, jünger als Martin Luther, katholisch und ursprünglich zum Priestertum bestimmt, wird dann zuerst in Frankreich und in weiterer Folge in der Schweiz die Nachfolge übernehmen. Jean Calvin (1509 - 1564) ist in Noyon, in der Picardie geboren. Seine ersten Studien macht er in seiner Geburtsstadt, dann in Paris. Ursprünglich vorgesehen um Priester zu werden, schlägt er schließlich den Weg einer juristischen Karriere ein. Nach dem Tode seines Vaters entschließt er sich, zur Literatur und Theologie zurückzukehren. Um 1532-1533 trifft Calvin die irreversible Entscheidung, sich den 'neuen Lehren' der Lutherischen Kirche zuzuwenden. Zu dieser Zeit werden die Bewegungen gegen das Papsttum in Frankreich immer zahlreicher und heftiger. Angesichts dieser extremistischen und anscheinend organisierten Bewegungen entscheidet sich der König Franz I. definitiv und entschlossen für den Katholizismus (1534) und erlässt die Unterdrückung der Hugenotten, welche die erste große Verfolgung im Land ist. Von diesem Zeitpunkt ab wird die Unterdrückung offiziell und irreversibel und die Konfrontationen werden zunehmend schlimmer. Die Folgen der Unterdrückung sind gegenüber den nordischen Ländern, die sich für Luther entscheiden, religiös, sozial und politisch. 1534 entscheidet sich Calvin dazu, Frankreich zu verlassen und nach Basel zu gehen. Zwei Jahre später veröffentlicht er das « Institutio Christianae Religionis » (Unterricht in der christlichen Religion), sein Hauptwerk, vorwiegend in lateinischer Sprache, das 1541 ins Französische übersetzt wird. Hinter dem Theologen erkennt man den Juristen. Die bereits von Luther, Zwingli und anderen Reformatoren behandelten Hauptthemen werden in einer präziseren Form übernommen.
In der Zwischenzeit hat Franz I. im Jahr 1536 Savoyen angegriffen und erobert und Genf befindet sich zwischen Savoyen, Frankreich und den schweizerischen Kantonen. Im selben Jahr tritt die Stadt der Reform bei.
Wenn Luther und Calvin dort Erfolg haben wo andere in der Vergangenheit gescheitert sind, dann ebenfalls deshalb, weil ihre Lehren des individuellen Zugangs zu Gott dem Bedarf neuer Bevölkerungsschichten (Händler und Handwerker) entspricht , die eine dynamischere und weniger hierarchische Gesellschaft wollen.

So ist Europa im 16. Jahrhundert durch die Religionen geteilt und wird es auch bleiben. Diese Religionen haben eine unterschiedliche intellektuelle und philosophische Anschauung und führen zu einer gleichermaßen unterschiedlichen Wirtschaft und Gesellschaftsform. Nachdem die Einheit der Christen nur noch eine Utopie ist, bereiten sich ausgedehnte « Konflikte » vor, wobei die religiöse Dimensionen je nach Epochen, Orten und Menschen variabel sind.
In Frankreich befinden sich die Religionskonflikte, aus welchen ab 1562 die politischen « Störungen » entstehen, ebenfalls in dieser Spirale. Der erste der acht Religionskriege, von 1562-1563, wird der « religiöseste » sein. Die sieben anderen werden die politischen Einsätze nicht unberücksichtigt lassen können. Zahlreiche handsignierte Edikte bedeuten ebenso viele vorübergehende Waffenruhen zwischen den Kriegen. Erst mit Heinrich IV. und der Unterzeichnung des Edikts von Nantes in 1598 richtet sich ein etwas dauerhafterer Friede ein. Der Unterschied zwischen den vorherigen Texten und dem Edikt von Nantes ist die echte Ausübung dieses letzteren dank der Autorität von Heinrich IV, der selbst ein ehemaliger Reformierter ist. Der Friede dauert nur zwölf Jahre, bis zur Ermordung des Königs.
In Deutschland setzt der Augsburger Religionsfriede (1555) dem Krieg ein Ende und ermöglicht es den Fürsten, selbst die Religion ihrer Untertan nach dem Prinzip Cujus regio, ejus religio (wes der Fürst, des der Glaub') zu wählen.
Das Edikt von Nantes gewährt, als Garantie der Glaubensfreiheit, überall im Reich die Kultfreiheit an den Orten, an welchen der Protestantismus vorherrscht, sowie in 3.500 Schlössern. Die Reformierten sind nicht mehr ihrer Bürgerrechte entzogen, sie haben das Recht, öffentliche Ämter zu bekleiden und können Tempel errichten. Es werden den Protestenten etwa 150 Zufluchtsorte, unter anderen 51 Places de Sûreté (Sicherheitsorte) zugesprochen. Diese Orte können von einer Armee verteidigt werden. Dieser militärische Aspekt des Edikts von Nantes wird ab 1629 widerrufen. Der neue Text verbietet die politischen Versammlungen und hebt die protestantischen Sicherheitsorte auf. Er behält jedoch die Kultfreiheit im ganzen Land, außer in Paris, bei.
Hinweis: Im Gegensatz zu dem, was viele Jahre behauptet wurde, war die vorherrschende Idee des Edikt von Nantes nicht die Toleranz, dieses Wort scheint darin nicht einmal auf. In der Tat hat zu dieser Zeit das Wort eine negative Bedeutung. Es ist gleichbedeutend mit « erdulden » oder auch « ertragen ». « Wenn das was wir heute Toleranz nennen bedeutet, den Glauben des anderen als genauso wahr wie die eigene Meinung zu akzeptieren, so ist dies im 16. Jahrhundert vollkommen unmöglich. Auf Religionsebene ist jeder sicher, die Wahrheit inne zu haben. Diese letztere kennend und sich dessen bewusst, das sich der andere irrt und sein ewiges Schicksal aufs Spiel setzt, wäre es kriminell das aufzugeben und darauf zu verzichten, was wir das Einmischungsrecht nennen um ihn zu retten, selbst gegen seinen Willen. Die Katholiken sehen dieses Edikt als Mittel, die Protestanten bis zu ihrem "Aussterben" im Rahmen zu halten, quasi eine Art Notlösung. Ihrerseits betrachten die Protestanten dieses Edikt als eine Pause in der Bekehrung der Katholiken. » (Pierre Joxe «Das Edikt von Nantes » - Hachette 1998)
Ab den 1660er-Jahren wird von Ludwig XIV. im ganzen Reich eine Bekehrungspolitik der Protestanten zum Katholizismus geführt. Sie erfolgt durch eine Missionarsarbeit, aber auch durch verschiedene Verfolgungen, wie z.B. die Dragonaden. Die Dragonaden bestanden darin, die protestantischen Familien zu zwingen, einen Dragoner, Mitglied einer Militärtruppe, zu beherbergen. Der Dragoner wird auf Kosten der protestantischen Familie untergebracht und übt verschiedenen Druck auf sie aus.
Diese mehr oder weniger erzwungene Bekehrungspolitik ist « offiziell » effizient, es entwickelt sich jedoch eine heimliche Ausübung des Protestantismus bei den "neu zum Katholizismus Bekehrten".
Die Anzahl der « offiziellen » Protestanten geht stark zurück und Ludwig XIV. widerruft den religiösen Aspekt des Edikts von Nantes, indem er am 22. Oktober 1685 das Edikt von Fontainebleau unterzeichnet. Damit wird der Protestantismus auf französischem Boden verboten.
Dieser Widerruf führt zum Exil zahlreicher Hugenotten, schwächt die französische Wirtschaft zugunsten der protestantischen Länder, welche ihnen Zuflucht gewähren: England und seine Kolonien in Virginia und South Carolina, das vom dreißigjährigen Krieg, dem mörderischsten dieser Zeit (1618-1648) komplett verwüstete Deutschland, die protestantischen Kantone der Schweiz, die Niederlande und ihre Kolonien am Cap. Man spricht von annähernd 300.000 Verwiesenen, darunter viele Händler, Handwerker oder Vertreter des Bürgertums.

Der Widerruf des Edikts von Nantes hat als indirekte Folge ebenfalls Aufstände der Protestanten, wie z.B. der Aufstand der Kamisarden in den Cevennen, und einen sehr starken Rückgang der in Frankreich lebenden Protestanten durch Exil oder progressive Bekehrung zum Katholizismus.

Nach Ludwig XIV. bleibt der Protestantismus verboten. Aber das Verbot wird progressiv auf weniger militante Weise eingehalten und zahlreiche protestantische Gemeinschaften bestehen weiter.
1787 erlässt Ludwig XVI. das Edikt von Versailles, das den Verfolgungen ein Ende setzt.
Es dauert jedoch bis zur französischen Revolution in 1789, bis der Protestantismus wieder sein volles Bürgerrecht zurück erhält.

Hinweis: Nach Aussage vieler Historiker soll erst drei Jahre nach dem Widerruf des Edikts von Nantes das Hugenottenkreuz in Nimes entstanden sein.
Hinweis: Die für den Begriff Hugenotten meist akzeptierte Etymologie verweist auf das deutschschweizerische Wort « Eidgenossen », d.h. Verbündeter, Ausdruck der jene helvetischen Städte und Kantone bezeichnet, die Ulrich Zwingli folgten und Anhänger der Reform waren.

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